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Berlinale Geschichten

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Die Berlinale hat begonnen, schon ein paar Tage. Und wie jedes Jahr ziehen ein paar Filme an meiner Netzhaut vorbei. 2 waren es bis zum heutigen Montag morgen. Und mindestens 6 weitere sollen noch folgen.

Meine diesjähriger Eröffnungsfilm war der schwedische Film Dyke Hard von Bitte Andersson – https://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=201506603#tab=video25. Zusammenfassend kann man sagen, ein in großen Teilen unterhaltsamer Lesbentrash. Zur Geschichte: 4 Lesben tun sich, nachdem sie mit der Schule fertig sind, zusammen und beschliessen kurzerhand eine Band mit dem Namen “Dyke Hard” zu gründen. Die Sängerin ist die Coole Bitch und die 3 anderen eher Aussenseiter. Und so ist auch das Bandgefüge. Irgendwann kommt es zum Bruch und die Lead-Sängerin verlässt die Band und möchte Solo groß rauskommen, nach dem Onehit Wonder der Band und einer anschließenden langen Durststrecke. Nebenschauplatz bzw. Geschichte ist ein Kellner aus einer Homobar, in der alle ein- und ausgehen, welche insgesamt die am besten durchchoreographierte Geschichte mitsamt seiner dazugehörenden Szenen ist. Es gibt insgesamt viel Sex, schlechte Witze und Musiknummern (nicht unbedingt von der Band aber zur Musik inszenierte Szenen). Ein großer Wehmutstropfen des Films ist, der oftmals ohne Ironie – oder ich hab sie nicht mitgeschnitten? – vorgetragene Pathos, alles wird Gut, Friede Freude Eierkuchen. Der hat so manches verdorben und zog sich leider als Leitbild durch den ganzen Film. Insgesamt aber war der Film durchaus unterhaltsam. Ob er das Potential zu einem Kultfilm seines Genres zu werden? Ich bin mir nicht ganz sicher. Nach dem Film präsentierte sich eine ganze Reihe Mitwirkender aus dem Film wie auch die Regisseurin. Hier wurde als Referenz natürlich John Waters genannt. Der Film begann als loses “Durcheinander” von einzelnen Szenen mit Referenzen zu Genres, die in klassischen queeren Filmen, die eher problemorientiert betrachten und arbeiten (Zitat Bitte Andersson), eher unter- bis gar nicht repräsentiert sind. Offensichtlichstes Beispiel ist Sciencefiction. Es geht ihr hierbei um Spass, Sie mag – ohne Ironie – sog. “feel good movies” aus den 80ern und nannte dabei z.B. “Dirty dancing”. Darauf kann man sich entweder einlassen oder eben auch mal die Augen verdrehen – musste ich jedenfalls sowohl beim Film als auch bei manchen Bemerkungen in der anschließenden Diskussion. Fazit: In großen Teilen lustige und sehr trashig Unterhaltung mit einem aber recht stöhrenden Pathos.

 

Mein zweiter Film. Ein deutscher Beitrag, der im Forum läuft mit dem schönen Namen Hedi Schneider steckt fest von Sonja Heiss – https://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=201504166#tab=filmStills. Toller Film. Sehr toller Film sogar, absolute Empfehlung in vielerlei Hinsicht. Warum? Der Film fängt ein wenig holzig an, entwickelt aber eine Dynamik und einen Sog und immer wieder ein hinundher zwischen wunderbarer Komik und Tragik, Ausweglosigkeit, die alles andere als oberflächlich ist. Die Geschichte in Kürze. Hedi Schneider arbeitet in einer Firma, die sich in irgendeiner Weise mit Reisen und Reisebuchungen beschäftigt. Dort arbeitet sie in einem Büro mit völlig verglasten Aussenwänden in einem der oberen Stockwerke eines vielleicht 6- oder 7-stöckigen Gebäudes. Die ersten Szenen, Hedi fährt- schon ein wenig zu spät – mit dem Fahrrad durch Frankfurt am Main zur Arbeit und bleibt zu allem Übel im Fahrstuhl stecken. Die Konversation mit dem Herrn am Ende der Notrufleitung des Aufzugs stimmt einen bereits auf den netten Humor der Hauptprotagonistin ein. Sie möchte sich aus Langeweile mit ihm unterhalten und stellt sofort sehr persönliche und fordernde Fragen. Im Büro sitzt sie zusammen mit einem äußerst sensiblen Kollegen, der sich von allem und nichts gestört wird, der Chef des Ladens beobachtet ständig durch die Glaswände und kommentiert auf beleidigende Weise sowohl den sensiblen Kollegen als auch Hedi selbst. Was sie aus der Bahn wirft ist, dass der (Zimmer-)Kollege an einem Tag, an dem sie nicht da war, sich aus dem Fenster stürzen wollte und in der Psychiatrie landet. Danach bildet sie sich einen Hetzinfarkt ein und beginnt vor allem Angst zu haben. Insbesondere hat sie Angst vor der Angst. Ab dem Augenblick wird sie für alle – insbesondere ihren Mann und ihren Sohn – unberechenbar. Sie kann das Haus nicht mehr verlassen, gleitet (fast) in eine Tablettenabhängigkeit, genießt die kurzen Momente mit den starken Drogen in ihr. Dabei das ständige Schwanken zwischen ihrem unglaublichen Witz und der für alle Beteiligten zermürbenden und nicht enden wollenden ausweglosen  Situation. Hedi Schneider (Laura Tonke) und ihr 6-jähriger Sohn (Leander Nitsche) sind unglaublich toll gespielt. Die Beziehung wird auf eine extreme Probe gestellt, eine Affaire von Hedis Mann, erzeugt zusätzliches Spannungspotential. Keiner weiß mit der Situation von Hedi umgehen, alles ist unberechenbar, aus den Fugen. Ab einem Punkt kommt aber ein wenig Bewegung in die psychische Verfassung von Hedi, es gibt Hoffnungsschimmer aber immer wieder emotionale Achterbahnfahrten. Der Film endet offen aber hoffnungsvoll. Die Regisseurin hatte nach dem Film leider nichts besseres zu tun als etwa 3 Dutzend Mitwirkende des Films auf die Bühne zu rufen – dies dauerte knapp 10 Minuten – bevor eine kurze Diskussion mit ihr und den beiden Hauptdarstellern möglich war und sie es fast vergass sich “artig” beim Leiter des Forums für die Einladung zu bedanken. Zzzhhhh! Das gab Abzüge in der B-Note. Auch die beiden Schauspieler machten im Film eine weitaus bessere Figur als auf der Bühne nach dem Film. Aber es sei ihnen verziehen, denn der Film kann sich sehen lassen. Gemacht wahrscheinlich eher für’s Fernsehen aber auch geeignet, um in kleinen Programmkinos gezeigt zu werden – falls mich jemand nach meiner Meinung fragt.

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